Info für Heilberufe

Wichtige Information für Mediziner*innen, Therapeut*innen und medizinisches Personal

 

„Mit Dir stimmt doch was nicht. Du solltest zum Arzt gehen.“ – Ein Vorurteil, mit dem asexuelle Menschen häufig konfrontiert werden oder sich es gar selbst einreden, wenn auch sie die Asexualität noch nicht kennen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich asexuelle Patient*innen in Ihrem Patientenstamm befinden, liegt bei immerhin etwa 1 : 99. Das heißt, nach groben Schätzungen verortet sich von einhundert Menschen einer im a*sexuellen Spektrum. Daher sollte folgende Information mitentscheidend für die Behandlung Ihrer Patient*innen sein. Gerade dann, wenn sie mit (vermeintlichen) sexuellen Funktionsstörungen zu Ihnen kommen.

Es ist wichtig zu verstehen, dass Asexualität kein Sammelbegriff für diverse sexuelle Funktionsstörungen, sondern eine valide sexuelle Identität ist. Asexualität liegt vor, wenn eine Person keine spezifische sexuelle Orientierung aufweist. Das heißt, gegenüber Menschen unabhängig ihres Geschlechts und gegenüber nicht-menschlichen Objekten empfinden Asexuelle keine sexuelle Anziehung und nehmen daher auch kein Verlangen nach Geschlechtsverkehr wahr. Sexuelles Verlangen und der Sexualtrieb als Solche aber können bei Asexualität dennoch vorhanden und von Asexuellen zu Asexuellen unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Ab durchschnittlicher Intensität bis vollständiger Abwesenheit ist alles möglich. Ebenso werden Sexualität bzw. sexuelle Handlungen von Asexuellen unterschiedlich erlebt – als ganz nett, als langweilig oder ekelig und abstoßend; im Grunde aber als unnötig und überflüssig. Die Verknüpfung von Liebe und Sex innerhalb einer Partnerschaft, wie sie für die meisten Menschen selbstverständlich ist, gibt es für Asexuelle nicht.

Darüber hinaus begegnen uns auch Menschen, welche sexuelle Anziehung nur sporadisch bzw. nur, wenn sie eine tiefe emotionale Bindung zu jemand anderem aufgebaut haben, empfinden können. Diese Menschen werden als grausexuell bzw. demisexuell bezeichnet.

Asexuellen Coming-Outs werden häufig respekt- und distanzlose Fragen, Widerreden oder Erklärungsversuche entgegengesetzt. Ungeachtet der Tatsache, dass alle Menschen Expert*innen für die eigenen Empfindungen sind, wird die Expertise und Selbstbestimmung Asexueller zumeist in Zweifel gezogen. Fragen wie „Woher willst Du wissen, dass Du Sex nicht magst, wenn Du ihn noch nie ausprobiert hast?“ gehören dann zum Alltag asexueller Menschen. In der Gesellschaft erleben Asexuelle einen sozialen Zwang zu gelebter Sexualität, da uns allen schon früh suggeriert wird, wieviel Sex „der Norm entsprechend“ und damit gesund sei. Schon unbedachte Äußerungen setzen asexuelle Menschen Druck und Abwertungen aus.

Über Asexualität ist leider noch sehr wenig bekannt. Heute noch erfahren viele asexuelle Menschen erst im Erwachsenenalter von ihrer sexuellen Identität. Vorher haben sie das trügerische Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Möglicherweise begegnen Sie in Ihrer Praxis Personen, die noch so über sich denken. Da jedoch auch viele Mediziner*innen und Therapeut*innen noch immer von diesen falschen Sachverhalten ausgehen und Asexualität mit sexuellen Funktionsstörungen gleichsetzen, besteht die Gefahr, dass bei einigen Menschen, die eigentlich nur asexuell sind, ein wesentlicher Bestandteil ihrer Persönlichkeit als Krankheit, Störung oder als ein Symptom davon „therapiert“ wird. Der Asexualität liegt keine organische bzw. psychische Erkrankung oder sexuelle Funktionsstörung zugrunde. Menschen, die unter Derartigem leiden, sind nicht asexuell. Leidensdruck entsteht tatsächlichen Asexuellen nur durch äußere Einflüsse – etwa durch außenstehende Personen, die auf Asexualität mit Unverständnis und Vorbehalten reagieren.

Zwar ist Asexualität keine Folge einer Depression und schon gar nicht ist beides miteinander gleichzusetzen. Trotzdem können Menschen mit asexueller Identität durchaus ein erhöhtes Depressionsrisiko haben. Insbesondere junge Asexuelle, die sich noch in der Selbstfindungsphase befinden. In dieser Phase stehen sie durch Selbstzweifel unter enormem Druck, was zum einen am fehlenden Wissen über Asexualität liegt. Zum anderen ist ein asexueller Mensch in seinem Umfeld meist der Einzige mit dieser Identität. Oftmals findet er dann keine*n Gesprächspartner*in, mit der*dem es ihm möglich wäre, über sein Empfinden zu sprechen. Im Gegenteil, nicht selten wird die betreffende Person mit teils verletzenden Vorurteilen abgewiesen, infolge dessen sich die Gefahr von negativen Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl steigern kann. Gerade dann, wenn man als Asexuelle*r selbst von Asexualität keine Kenntnis hat und daher glaubt, fehlerhaft zu sein.

Versuchen Sie bitte nicht, direkt eine Erkrankung oder Störung zu ermitteln, wenn ein*e Patient*in Ihnen gegenüber beispielsweise eine geminderte bzw. ganz fehlende Libido und/oder fehlendes sexuelles Interesse an anderen Menschen angibt. Vieles, was Ihnen als Symptom einer Krankheit oder Störung erscheint, kann auch eine Begleiterscheinung der Asexualität sein. Beziehen Sie bei einer Diagnostik immer die Möglichkeit einer asexuellen Identität mit ein. Stellen Sie in einem Patientengespräch auch Fragen, die auf Asexualität hindeuten. Hierzu finden Sie auf nachfolgend verlinkter Seite einige Aussagen zu Empfindungen, welche für asexuelle Menschen typisch sind.

Du bist asexuell, wenn…

Sollte Ihr Gegenüber Unsicherheit zum Ausdruck bringen, vermitteln Sie ihr*ihm, dass Zweifel in Ordnung sind. Ermutigen Sie diesen Menschen, sich so zu benennen, wie es sich momentan richtig anfühlt. Der a*sexuellen Gemeinschaft tut es nicht weh, wenn die Selbstidentifikation als asexuell später doch nicht mehr zutrifft.

Um Fehldiagnosen vorzubeugen, sollten Sie sich selbstständig über Asexualität erkundigen. Ratsuchende Patient*innen sollten Ihnen keine Informationsquelle sein. Als Solche steht Ihnen AUFLEBEN gerne zur Verfügung. Vielleicht möchten Sie in Ihrem Wartebereich Flyer/Broschüren über Asexualität auslegen? Sie geben damit asexuell orientierten Patient*innen das begründete Gefühl, sicher zu sein und insbesondere ernst genommen zu werden. Auch können Sie fragenden Menschen schnell und unkompliziert weiterhelfen. Flyer/Broschüren können in maximaler Anzahl von momentan 25 Stück kostenlos bei uns angefordert werden. Geben Sie in Ihrer Bestellung über das Kontaktformular bitte einfach an, wie viele Sie haben möchten.

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