Der Missbrauchsskandal

Von der Scheinheiligkeit katholischer Kirchenvertreter

Ist man in sozialen Netzwerken oder anderweitig im Internet unterwegs, liest man immer wieder von ranghohen deutschen Bischöfen und Kardinälen, die das Leid tausender zumeist männlicher Minderjähriger unter jahrzehntelangem systematischem sexuellem Missbrauch durch kirchliche Geistliche relativieren. Anstatt die lückenlose Aufklärung der Taten und Gerechtigkeit für die Opfer voranzutreiben, wodurch auch einiges an Glaubwürdigkeit zurückgewonnen werden könnte, lenkt man von sich und seiner Institution ab und der Skandal wird wieder mal einem großen Feindbild der katholischen Kirche angelastet.

Anfang des Jahres unterstellte der Kardinal Walter Brandmüller der Gesellschaft Heuchelei, wenn diese sich über den Missbrauchsskandal empöre. Was in der Kirche an Missbrauch passiert ist, sei nichts anderes, als was in der Gesellschaft überhaupt geschehe, so seine Behauptung. „Der eigentliche Skandal ist, dass sich die Kirchenvertreter in diesem Punkt nicht von der gesamten Gesellschaft unterscheiden.“

Nicht weniger wirklichkeitsfremd sei es, zu vergessen bzw. zu verschweigen, dass achtzig Prozent der Missbrauchsfälle im kirchlichen Umfeld männliche Jugendliche und nicht Kinder betrafen. Zudem sei „statistisch erwiesen“, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Missbrauch und Homosexualität bestünde, führte Brandmüller weiter aus.

Allerdings gibt es einige Punkte, die Kardinal Brandmüller und viele andere sich ähnlich äußernde Kirchenvertreter vergessen oder verschweigen. Dies wäre zum Beispiel, dass sexueller Missbrauch oftmals im Verborgenen, beispielsweise innerhalb der Familie oder in Einrichtungen, in denen Abhängigkeitsverhältnisse bestehen, stattfindet. Gerade kirchliche Einrichtungen sind da ein Beispiel. Das Motiv der Täter ist dann nicht zwangsläufig sexuelle Befriedigung, sondern Unterdrückung des Schwächeren bzw. die Demonstration von Macht ihm gegenüber. Die sexuelle Orientierung oder Neigung der Täter spielt hier kaum eine Rolle.

Die hohe Zahl der männlichen Opfer liegt an der Geschlechtertrennung

Selbst wenn aber doch die sexuelle Befriedigung im Vordergrund steht, so ist dies längst noch kein Beleg für eine Homosexualität der Täter. Die hohe Zahl der männlichen Opfer im Falle des Missbrauchsskandals der Kirchen liegt viel wahrscheinlicher daran, dass zu den damaligen Zeiten vor allem in kirchlichen Einrichtungen die Geschlechtertrennung noch üblich war oder weiterhin ist. Die Jungen waren für die Geistlichen, Bischöfe etc. die nächste Gelegenheit, dass auch Letztere einmal ihren animalischen Trieben nachgeben und sich dabei sicher sein konnten, dass ihr Zölibatsbruch nicht auffliegt. Schließlich hatten die Jungen damals keine Chance, sich gegen die Übergriffe zur Wehr zu setzen. So war dieser methodische Missbrauch von Schutzbefohlenen über einen derartig großen Zeitraum hinweg überhaupt möglich.

Was die Geschlechtertrennung betrifft, darf man von wesentlich mehr weiblichen Opfern überzeugt sein, hätte es diese nicht gegeben. Die Schuldzuweisung der Kirchenvertreter auf die Homosexualität ist schlicht ein plumper Versuch, von der eigenen Verantwortung in Sachen Missbrauchsskandal abzulenken sowie in diesem günstigen Moment sich auch gleich einem alten Vorurteil zu bedienen, um eins der liebsten Feindbilder in ein schlechtes Licht zu rücken. Dies wird untermauert davon, dass Brandmüller es schuldig bleibt, bezüglich seiner Behauptung des Zusammenhangs zwischen Missbrauch und Homosexualität die Statistik, auf die er sich beruft, zu benennen.

Die Gesellschaft benimmt sich ziemlich heuchlerisch“

Diesem Vorwurf von Kardinal Brandmüller ist entgegenzusetzen, dass die Gesellschaft, um von sich abzulenken, eigene Skandale nicht einfach auf andere Personengruppen oder Institutionen schiebt. Dass die Gesellschaft nicht das Schicksal von unzähligen Opfern der eigenen sexuellen Gewalt schmälert, indem sie die Tatsache, dass religiöse Amtsträger auch lediglich Menschen mit biologischen Trieben sind, als „eigentlichen Skandal“ darstellt. Darüber hinaus vergreift die Gesellschaft – und davon vor allem die LSBTTIQ*-Community – sich nicht sexuell an Minderjährigen, während sie sich riesengroß „Zölibat“ und „sexuelle Enthaltsamkeit“ auf die Fahnen schreibt. Wer sind also die Heuchler?

Der Vorsitzende der Katholischen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, wies einst darauf hin, dass der Zölibat und Homosexualität „für sich genommen“ keinen Missbrauch hervorriefen. Bei der Homosexualität ist ihm Recht zu geben. Nicht aber bezüglich dem Zölibat. Überflüssige Verbote bringen selten positive Effekte mit sich. Negativbeispiele sind hier etwa die Kriminalisierung von Cannabis-Konsument*innen oder eben eine Institution wie die Katholische Kirche, die ihren Angehörigen unter dem Begriff „Zölibat“ eine biologische Notwendigkeit verbietet. Dieses zwingt Kirchenangehörige doch dazu, etwas eigentlich völlig Normales wie die Sexualität quasi „heimlich unter’m Kirchengewand“ auszuleben, was die Gefahr, sich an zum Selbstschutz unfähigen Menschen zu vergreifen, leider erhöht. Vielleicht würde eine Abschaffung des Zölibats den Kirchen auch zu einem weniger verklemmten Umgang mit der Sexualität verhelfen. Denn Kirchenangehörige unterscheiden sich nicht von der Gesellschaft, schon gar nicht biologisch. Diesen Unterschied einzufordern und ihnen die Sexualität zu verbieten, ist unsinnig und brandgefährlich.

© by Christoph Reiner
Foto: Lena Klimkeit/ dpa
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