Ein Leben ohne Sex? – Für mich Normalität.

mmmmmMein Name ist Christoph. Noch niemals in meinem Leben hatte ich Sex oder eine Liebesbeziehung. Auch ein Verlangen danach empfinde ich nicht bzw. kaum. Hier gewähre ich einen Einblick in meine Perspektive und mein Leben als Asexueller.

Die Vorstellung von Geschlechtsverkehr finde ich abstoßend. Das war schon immer so. Auch meinen körperlichen Geschlechtstrieb nehme ich als Belastung und Störfaktor wahr. Der häufige Wortlaut besagt, regelmäßige sexuelle Handlungen dienten unter anderem dem Stressabbau. Eine These, der ich nicht zustimmen kann. Ganz im Gegenteil.

Ich bin 31 Jahre alt, lebe in Bad Schussenried, einer Kleinstadt im Osten von Baden-Württemberg, zwischen Ulm und Bodensee. Ende des Jahres 2012 hatte ich mein inneres Coming-out. Seit sechs Jahren zähle ich mich zur Minderheit der Menschen mit asexueller Orientierung. Das heißt, ich verspüre keine sexuelle Anziehung; fühle mich sexuell zu keinem Geschlecht, zu nichts und niemandem hingezogen. Demzufolge nehme ich auch kein Bedürfnis nach Geschlechtsverkehr wahr. Ich bevorzuge die Kombination der Definitionen von AVENus und AVENde, da mir die jeweils einzelne Definition allein zu ungenau ist und gerade die Deutsche – „kein Verlangen nach sexueller Interaktion“ – meines Erachtens zu sehr nach Krankheit klingt.

Ebenso habe ich romantische Gefühle noch nie so richtig empfunden. Als klar aromantisch würde ich mich dennoch nicht bezeichnen. Eine Liebesbeziehung stelle ich mir durchaus als schön vor, obwohl ich nicht den Drang spüre, explizit danach zu suchen. Nachdem Anfang Juli diesen Jahres mein Bruder seine Freundin heiratete, erlebte ich ein gesteigertes Verlangen nach einer Partnerschaft, wenn es sich auch nach etwa vier Wochen wieder legte. Ich empfinde gray- oder demiromantisch, da bin ich mir noch nicht sicher.

Vor etwas mehr als zwei Jahren outete ich mich vor meiner Familie. Die Reaktion meiner Mutter war alles andere als aufschlussreich. Erst fand sie es bewundernswert, dass ich dazu stehe. Nicht lange danach störte sie sich plötzlich am offensiven Umgang mit meiner Asexualität. Der übrige Teil meiner Familie – Vater, Schwester und Bruder – nahmen mein Coming-out nur schweigend zur Kenntnis. Zwar erklärte ich ihnen die Asexualität, allerdings habe ich große Zweifel daran, ob sie sie auch wirklich verstanden haben.

Die Pubertät war grausam

Wie die meisten Asexuellen war auch ich mit meinen Gefühlen lange alleine. Dass meine Sexualität eine andere Entwicklung nimmt als die der Menschen um mich herum, wurde mir bereits mit etwa elfeinhalb Jahren bewusst. Während sich meine Altersgenoss*innen plötzlich für Sex interessierten – später auch für Beziehungen, wollten sich bei mir diese Interessen gar nicht einstellen. Weil mir „asexuell“ noch kein Begriff war, fühlte ich mich falsch, kam mir vor wie von einem anderen Stern. Immer wenn sich meine Klassenkameraden in den Freistunden sich an den Schulcomputern verbotenerweise Internet-Pornographie ansahen, zog ich mich zurück; versuchte, mich durch die Vorarbeit der Hausaufgaben oder sonst irgendwie von alldem abzulenken.

Als Kind bzw. Jugendlicher ließ ich mir viel gefallen, da ich zu jener Zeit ruhig und introvertiert war. Gerade dann ist man ein beliebtes Ziel für Hänseleien. Als ich eines Tages aber die Einladung meiner ehemaligen Mitschüler zum Pornogucken mit der Begründung, es ekelhaft zu finden, ausschlug, machte in der Schule rasch das Gerücht einer Homosexualität bei mir die Runde und die einst eher harmlosen Hänseleien steigerten sich zum Mobbing, zum handfesten Psychoterror. Eines Freitagnachmittages, am 23. September 1999, unterstützten mein Bruder und ich unsere Mutter bei der Hausarbeit. Ich bediente die Heißmangel, um Textilien wie Handtücher und Bettwäsche zu bügeln. Immer wieder versank ich dabei in Gedanken an die letzten Schikanen meiner Mitschüler*innen und die Überzeugung, dass mit mir etwas nicht stimme. Plötzlich schrie ich lauthals. Zeige-, Mittel- und Ringfinger meiner rechten Hand stecken in der Heißmangel fest – zwischen Walze und heißer Eisenplatte. Meine Mutter stürzte sich unter die Mangel und riss den Hebel zurück, der die Eisenplatte anhob. Am schlimmsten getroffen hat es den Mittelfinger. Bis auf die Knochen war alles weggeschmort. Zwei Wochen musste ich im Krankenhaus verbringen. In zwölf Operationen wurde in den Fingern nach und nach Gewebe neu verpflanzt. Ich entging nur knapp einer Amputation des Mittelfingers; das Endgelenk kann ich heute nicht mehr bewegen.

Im zweiten Schulhalbjahr der sechsten Klasse, fünf Monate nach diesem Unfall, kam dann der Sexualkundeunterricht, in den ich sehr große Hoffnungen setzte. Schnell aber wurden diese enttäuscht. Es war fast ausschließlich die Heterosexualität thematisiert, Homo- und Bisexualität wurden lediglich leicht angeschnitten. Die Möglichkeit, auch gar kein Geschlecht sexuell anziehend finden zu können, kam überhaupt nicht zur Sprache. Zwischen meinen kichernden Klassenkamerad*innen klammerte ich mich an den letzten verbliebenen Strohhalm und redete mir ein, einfach ein Spätzünder zu sein und wie die anderen auch schlicht nur mit Pornos nachhelfen zu müssen. Zusätzlich zu den ständigen Mobbingattacken meiner Mitschüler*innen setzte ich mich selbst unter Druck und tat etwas, woran ich letzten Endes zerbrochen bin. Ich nötigte mich selbst zum Konsum von Pornographie, um sexuelle Anziehung und vor allem Spaß an Sexualität zu erzwingen; um wie die anderen Menschen um mich herum zu sein. Auch wenn es mir weh tat und ich mich danach immer irgendwie unwohl, schlecht oder wertlos fühlte. Der Effekt war jedoch ein völlig anderer. Ständiger massiver Leistungsdruck meiner Eltern kam hinzu, da meine Schulnoten durch das Mobbing immer schlechter wurden, wodurch ich letztlich in einem Teufelskreis gefangen war. Ich entwickelte eine Depression und Suizidgedanken; begann mit etwa sechzehn Jahren, mich selbst zu verletzen, mich an den Unterarmen zu „ritzen“. Selbst zu töten versuchte ich mich in meinem bisherigen Leben mehrfach. Doch fast immer verließ mich im entscheidenden Moment der Mut, es zu vollenden. Im Jahr 2009, acht Tage nach meinem 22. Geburtstag, auf einer Bauschuttdeponie bei Biberach (Riß) dachte ich sogar kurz daran, mich von einem riesigen Betonklotz zerquetschen zu lassen, der von einem Schutthaufen auf meine Mutter und mich zu kullerte, am Ende aber „nur“ am roten Opel Astra meiner Eltern Totalschaden anrichtete. Mit den Pornos machte ich aber trotzdem weiter, noch immer mit der trügerischen Hoffnung, dass sich was ändert. Mit dem nach wie vor anhaltenden Druck, mich möglichst schnell als heterosexuell zu identifizieren. Dass ich doch noch wie alle anderen werde und alles in Ordnung kommt. Letzteres geschah dann tatsächlich auch – allerdings anders als ursprünglich erwünscht.

Mein Schlüsselmoment

Eines Nachts im späten Frühling 2010 – nach meinem bis heute letzten Suizidversuch, der nur noch deshalb scheiterte, weil sich beim Versuch, mich zu erhängen, ein Knoten löste und ich zu Boden fiel – lag ich im Bett und konnte nicht schlafen. So viele Fragen und Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich dachte an mich, an mein Empfinden. An meine damaligen Mitschüler*innen und deren Mobbing-Übergriffe. An den Pornokonsum sowie daran, warum und vor allem für wen ich mir das antue. Für mich selbst jedenfalls nicht! Zum ersten Mal – nach jahrelangen Versuchen, mich zurecht zu biegen, um den Menschen in meinem Umfeld zu entsprechen – begann ich, mich explizit mit mir selbst zu befassen und während der  folgenden Tage setzte bei mir nach und nach schließlich eine Erkenntnis ein.                                                                                                                                                                                                                                                          Wenige Wochen später startete die CSD-Saison 2010. Aus diesem Anlass und reinem Interesse sah ich mir auf YouTube Mitschnitte von früheren CSDs an, was zu meiner Selbstakzeptanz einen entscheidenden Beitrag geleistet hat. So viele Menschen, die sich allen Widerständen zum Trotz geben, wie sie sind. So viele Menschen, die daraus, wie sie fühlen und was Sexualität für sie bedeutet, keinen Hehl machen. Das hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck. Zwar hatte ich noch immer kein Wort für die Art meiner sexuellen Wahrnehmung, weil diese keine*r von den CSD-Teilnehmer*innen, die ich in den Videos sah, repräsentierte. Wichtig war aber das Prinzip. Denn schlussendlich ist es mir gelungen, die Tatsachen, dass andere Menschen für mich sexuell nicht interessant sind sowie sexuelle Handlungen mir schlicht nicht gefallen und beides sich wahrscheinlich nie ändern wird, allmählich hinzunehmen. Hierdurch konnte ich nach und nach die Kontrolle über mein Leben und ein großes Stück Selbstbewusstsein und Lebensqualität zurück gewinnen.

Den endgültigen Aha-Moment, den die meisten Asexuellen wohl kennen, erlebte ich vor genau sechs Jahren, zwischen Weihnachten und Silvester 2012, als ich mittlerweile 25 Jahre alt war. Während Internet-Recherchen zum Thema „Sexuelle Orientierung“ im Allgemeinen begegnete mir erstmals der Begriff „Asexualität“. Schon außerhalb von AVEN stieß ich auf viele vertraut klingende Erfahrungsberichte, durch welche ich schließlich mein inneres Coming-out erlebte. Mein langer und schwerer Leidensweg mündete in einem Moment der Selbsterkenntnis und Selbstakzeptanz.

Das Äußere folgte in den Jahren danach, bis ich mich Anfang Oktober 2016 gegenüber meiner Familie outete. Im selben Jahr meldete ich mich auch zum ersten Mal im AVEN-Forum an. Nun war ich inmitten von Menschen, die meine Orientierung teilen.

Heute fällt es mir leicht, zu mir zu stehen und offen umzugehen damit, was Sexualität für mich bedeutet. Wenn auch ich hin und wieder mit Menschen zu kämpfen habe, die mir nicht glauben. Mir Widerreden, Vorurteile und Erklärungsversuche entgegensetzen. Meine Expertise und Selbstbestimmung in Zweifel ziehen und sich einbilden, sie wüssten über mich besser Bescheid als ich selbst.

Unter’m Strich

Das vergehende Jahr 2018 ist für mich persönlich ein schwieriges Jahr gewesen. Dieses Jahr suchte mich wieder eine Depression heim und machte mir einige Pläne zunichte – beispielsweise die CSD-Teilnahme mit AktivistA in Stuttgart oder die Teilnahme am ersten Stammtisch für asexuelle Menschen in Ulm. Sehr gerne wäre ich bei beidem dabei gewesen. Ich hoffe, dass mir dies und einiges mehr im kommenden Jahr 2019 möglich sein werden. Zeigt doch gerade meine Lebensgeschichte, wie wichtig und notwendig Aufklärung ist. Wozu durch Unwissenheit, Elitendenken und Normvorstellungen ein Mensch getrieben werden kann.

Des Öfteren werde ich – insbesondere online – gefragt, ob ich heute nochmal versuchen würde, mich umzubringen. Nein, würde ich nicht. Zwar gehe ich nachts manchmal noch immer mit dem Wunsch, einzuschlafen und nie wieder aufzuwachen, ins Bett. Ich würde es aber nicht mehr aktiv tun. Nur weil ich erkannt habe, dass ich asexuell bin, verläuft mein Leben nun zwar noch lange nicht perfekt. Mein Coming-out hat mir aber doch vieles erleichtert. Zumal ich aus meiner Vergangenheit auch viele Konsequenzen und Lehren gezogen habe, die ich gerne mit anderen Menschen teilen würde. Alleine schon, weil ich so alledem, was ich erdulden und verkraften musste, einen Sinn geben kann. Vor allem aber, um fremde Augen zu öffnen und das alles anderen Menschen möglichst zu ersparen. Kindheit und Pubertät sind die wichtigste Zeit im Leben eines Menschen, weil dann Entwicklung und Selbstfindung stattfinden. In diesen Lebensabschnitten ist man am meisten beeinflussbar. Daher muss gewährleistet sein, dass jene Entwicklung und Selbstfindung ganz ohne äußeren Druck, wie ich ihn erlebt habe, ablaufen können. Unter Druck setzt man sich selbst gerade im Jugendalter schon genug.

Häufig beklagen wir Asexuelle uns über die Klischees und Vorurteile Außenstehender. Leider auch zurecht. Da verwundert es mich offen gestanden umso mehr, dass ich auch von anderen Asexuellen immer wieder gefragt werde, ob ich mir aufgrund meiner depressiven Episoden meiner Asexualität wirklich sicher sei. Sexuelle Unlust könne ja auch schließlich durch eine Depression hervorgerufen werden. Zum einen finde ich es ziemlich anmaßend, die sexuelle Identität kranker Asexueller in Zweifel zu ziehen. Wir sind keine Übermenschen, nichts Besonderes. Auch Du kannst psychisch/seelisch und körperlich erkranken, ohne dass es Deine Asexualität infrage stellt. Zum anderen stimmt es zwar, dass eine Depression die Libido schwächen oder ganz zum Erliegen bringen kann. Allerdings sehe ich zwischen meiner Asexualität und den depressiven Episoden keinen direkten Zusammenhang. Die Asexualität war bei mir – salopp gesagt – vor der Depression da. Wenn ich meine sexuelle Identität damals auch noch nicht als Solche einordnen konnte. Zumal es mir seit meinem Coming-out als asexuell insgesamt wesentlich besser geht, weswegen ich auch für ein vorzeitiges Ableben keinen Grund mehr sehe. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Euch allen wünsche ich einen guten Rutsch und ein frohes 2019 mit viel Glück, Erfolg und Gesundheit.

Euer Christoph.

Werbeanzeigen